Ultreïa

Wenn sich in der Morgenfrühe die Pilger vor der Herberge zum Weitermarsch bereit machen, ertönt unter ihnen der freudige Ruf Ultreïa! Wenn auf dem Camino ein Pilger einen andern überholt, ruft er ihm ein brüderlich aufmunterndes „Ultreïa“ zu.
Schon im Mittelalter wurde der Ruf auf dem Jakobsweg als Ausdruck der Freude bei Begegnungen unter Pilgern angewendet, oft begleitet von Gesängen, welche im Codex Calixtinus erhalten geblieben sind:
Herru Santiagu / Got Santiagu / E ultreïa e suseïa / Deus adjuva nos.

Heute lebt der Ausdruck fort in einem bekannten französischen Pilgerlied, 1989 von Jean-Claude Bénazet komponiert: «Tous les matins, nous prenons le chemin…». Le chant des pèlerins de Compostelle

Wer der Herkunft des Ausdruckes nachforscht, stößt auf das spätlateinische Umstandswort „ultreïa“ = weiter.
Das gleichbedeutende „suseïa“ stammt von „sus“ = darüber, ab. „eïa“ weist auf eine Bewegung hin. Daraus folgen die Bedeutungen: ULTREÏA = weiter, und SUSEÏA = höher.

Die symbolische Bedeutung:
„Weiter“: der Pilger schreitet auf dem Weg seines Lebens zum „Anderen“ – er lässt die Vergangenheit ruhen, um sich der Zukunft zuzuwenden, seiner Wiedergeburt in eine neue Welt.
„Höher“ – der Geist erhebt sich zum Licht des ewigen Schöpfers und Vater aller Lebenden. Diese Bewegungen des Herzens in die Weite und in die Höhe, zeigen sich auch in der Form des Kreuzes Jesu, dem Symbol der Christenheit.

Die Zusammenstellung der Informationen resultiert aus meiner Webrecherche zum Pilgerlied.
Die Texte und Noteblätter – Originale und weitere Versionen – in Französisch, Englisch und Deutsch können z.B. auf der Website von Familie Gerhard Eichinger eingesehen werden.

Hier kann eine deutsche Text- und Liedversion von Meinrad Schneckenleithner (A) aufgerufen werden.

Eine interessante mittelalterliche Interpretation findet sich im Genre Folkmusik mit der Formation  Short Tailed Snails.
Wer das Elend bauen will – Jakobslied